Miss Belorus bei der Arbeit / Bild: ©michael_lebedev

Die Handlung kurz skizziert:
Die Doku-Reihe begleitet den Entertainer Spartak und die Mitarbeiter/-innen seiner "Internationalen Striptease-Show" von Juni 2021 bis Juni 2023 in den Urlaubs-Hotspots auf der Krim. 2021 machten noch fast neun Millionen Russen Urlaub auf der Krim. 2023 ist die Krim längst Kriegsschauplatz, Strände sind gesperrt, Schützengräben ausgehoben, Touristen sind nicht gekommen.

Wochen zuvor wurde mir über einen privaten Kontakt die Aussicht angeboten, mit dem Produzenten der Serie zu sprechen. Diese Chance wollte ich nicht für mich allein haben, meine Leserinnen und Leser sollten irgendwie dabei sein. Ankamen 15 Stellungnahmen zur Serie im engeren Sinn, durchweg sehr verschiedene, persönliche Aussagen. Sie sind die Ergebnisse einer jeweils dreistündigen Zuschauzeit und eines anschließenden engagierten Schreibens. Alle Stellungnahmen sind als Sammlung anonymisiert zugänglich3.


Mitte März 2024 hatte ich dann das Gespräch mit dem Produzenten Frank Müller von der DOPPELPLUSULTRA FILMPRODUKTION GmbH in Hamburg.  Dieses Gespräch wurde zu einem zweistündigen, konzentrierten, dynamischen Gedankenaustausch, der sich von der Gestaltung eines Films bis hin zu philosophischen Fragen über das Zusammenleben der Menschen bewegte. 

Unser Experiment war für Frank Müller ein in dieser Form erstmaliger Vorgang. Selbstironisch bekannte er: „Als Produzent sitzt du jahrelang in deinem Aquarium, in einem Glashaus, feilst und feilst an Bildern und Texten und hast kaum je Kontakt zu deinem Publikum.“ 



Dieses intensive Gespräch protokollartig wiedergeben zu wollen, wäre so unangemessen wie unmöglich. Ich beschränke mich auf markante Stellen und erlaube mir am Schluss eine persönliche Wertung.


Ausgangslage

Als Produzent hatte Frank Müller die Idee zur Serie entworfen und die ökonomischen und organisatorischen Rahmenbedingungen geklärt. Der Autor und Regisseur Dmitri Vologdin hat die Dokuserie „gemacht“ und die Dreharbeiten aus drei Sommern vorgelegt. Frank Müllers Aufgabe war es dann, im Filmschnitt die Dramaturgie der Personen zu entwickeln. Weiterhin musste die Serie durch Informationen zur Krim – u.a. in Form von Animationen – an ein deutsches Publikum angepasst werden.



Das kleine Glück / Bild: ©michael_lebedev

Arbeitsprozess


In der fortschreitenden Arbeit am Filmmaterial des Regisseurs entwickelte sich der endgültige Duktus der Serie und der Anspruch an den Film:
  • es geht nicht um große Politik, die Menschen sollen gehört werden
  • die Menschen dort sind keine seelenlosen Ungeheuer
  • sie sind Opfer der Politik
  • die Serie maßt sich kein Urteil über sie an
  • wie leben die Menschen auf der Krim?
  • wie reagieren sie, wie bringen sie ihren Alltag zusammen?
  • unterscheidet sich ihr Alltag von dem in Deutschland?


Politik


Sie spielt durch das Hereinbrechen des Ukraine-Kriegs eine tragende Rolle:
  • es herrschen deutliche Zwänge im politischen System 
  • in der Serie wird nicht ausgeblendet, dass Russland ein totalitärer Staat ist, „ein Land, in dem ich nicht leben möchte“ (Frank Müller)
  • in diesem gesellschaftlich-politischen Kontext hat der Regisseur Dmitri Vologdin Charaktere gefunden, die ihn interessieren
  • die Protagonistinnen und Protagonisten sind spannend und charakterstark 
  • die Menschen haben das allumfassende Bedürfnis zu überleben
  • dafür gehen sie Kompromisse ein
  • kann man sie deswegen des Konformismus bezichtigen?
  • welche Fragen kommen beim Publikum der Serie zur Moral der eigenen Gesellschaft auf? 


Problemlage


Die Darstellung russischer Lebenswirklichkeit kann den Vorwurf der Parteinahme oder gar Propaganda hervorrufen. Die Doku-Serie beschreibt z.B. wahrheitsgetreu, wie eine Tänzerin, Mutter eines an einer spastischen Störung leidenden Sohnes, vom russischen Staat großzügig unterstützt wird. 
Doch da dämmert die Grenze, die Bruchstelle, herauf. Dieser Realismus kann das gängige, einseitige Russlandbild berühren, welches das deutsche Publikum möglicherweise mitbringt. Es gilt in Deutschland z.Zt. als politisch „unkorrekt“, über Fortschritte im heutigen Russland zu berichten, wie etwa über die sich verbessernde Infrastruktur. Ein nachdenkliches, ambivalentes Russlandbild hat in unserem Land im Augenblick kaum eine Chance. 
 

Anspruch


„Man kann einen perfekten Film nicht machen“ bekennt Frank Müller. Künstlerische Arbeit wird immer ein geteiltes Echo hervorrufen. Letztlich bleibe einem als Maß und Richtschnur immer nur der Anspruch an sich selbst. Für Frank Müller steht die journalistische Sorgfaltspflicht unverrückbar an erster Stelle, vor jeglicher ‚political correctness‘. Das Risiko, bei dieser Serie als „putinfreundlich“ oder als "westlicher Propagandist" missverstanden zu werden, hält er aus, da seine Arbeit mit seinem journalistischen Ethos in Einklang ist. Es ist sein Prinzip, sich über Lob zu freuen, dieses aber nicht zu persönlich zu nehmen. Sonst müsse er negative Kritik an seiner Arbeit ebenso persönlich an sich heranlassen. 

 

Das Experiment

Frank Müller bedankt sich herzlich für alle Stellungnahmen, die ihm anonymisiert vorlagen. Beeindruckend, dass er kritische Beurteilungen genauso schätzt wie lobende. Alle seien Geschenke für ihn, die er mitnimmt in seine weitere Arbeit.
Er war überrascht von der „tiefen Analyse“ in den Stellungnahmen, die ihm zeigt, dass sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der Serie deutlich auseinandergesetzt haben. Am Prädikat „abstoßend“ einer Teilnehmerin gefällt Frank Müller die offene, deutliche Haltung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer seien „wach und aufmerksam und gehen bewusst mit den Medien um“. Ihre Texte helfen ihm dabei zu verstehen, „was bei den Menschen ankommt, was meine Arbeit bei ihnen auslöst“. 


 

Abspann

 
Als Vermittler zwischen den Beteiligten am Experiment danke ich allen sehr herzlich, besonders freilich Frank Müller. Da die Namen der Beteiligten am Experiment – außer dem des Produzenten und dem des hier Schreibenden – ungenannt bleiben, ist der „Abspann“ eigentlich schon durch.



Es bleiben noch einige Zeilen für eine persönliche Wertung. Das Gespräch mit Frank Müller hat, wie seine Dokuserie auch, etwas mit mir gemacht. 
Mir wurde im Gespräch wieder deutlich, dass Kunst immer ein völliges Wagnis ist. Sie wirkt, wenn sie die Menschen berührt. Sie wirkt, wenn bei den Menschen für sie unbewusst schon ein innerer Raum da ist, wo das Werk „in der Seele nachhallen“ kann. 


Bei der ersten „Ausschreibung“ des Experiments im November 2023 hatte ich u.a. gesagt:

 „Die Serie hat mich nachhaltig berührt. Ich habe erlebt, wie mir Menschen aus einer nur scheinbar völlig anderen Welt in einer Weise nahegebracht werden, dass ich mich ihnen irgendwie verbunden fühle. Die Doku-Reihe transportiert keine explizit formulierte politische Botschaft. Und doch schwingt eine Botschaft mit, nämlich ein Plädoyer gegen jede Form von Krieg und ein Plädoyer dafür, Staatsformen, Nationalitäten, Loyalitäten zu hinterfragen, zu relativieren und für sich selbst zu leben.“

 

Durch unser Experiment – das Gespräch mit dem Produzenten war der entscheidende Teil davon – hat sich mein Eindruck vertieft und ich ergänze: 
Die Dokuserie atmet einen tief humanistischen, menschenliebenden Geist. Die mitschwingende Botschaft ist die der Vision einer gewaltfreien, im positiven Sinn anarchistischen, kosmopolitischen Weltgemeinschaft der Menschen, nicht der Staaten. Staaten, Nationen, Vaterländer sind menschenferne Konstrukte, tödliche Gefahren in sich bergend. Ein hohler Schein, eine Illusion, ganz so wie die spielerisch angenommenen Scheinnationalitäten der Tänzerinnen.

Spartak – Impresario und "Philosoph" / Bild: ©michael_lebedev


Auf zwei Stellen im Film stützt sich meine Wertung im Besonderen. Durch sie möge hier die Doku-Serie selbst das letzte Wort haben.


In der Folge 4 sinniert Spartak, der Impresario der Show und „der Philosoph unter den Schlawinern“ (zit. nach einem TN) mit prophetischer Schwermut über die Zukunft: 
„Denn Kinder, die ihre Kindheit im Bombenhagel verbracht haben, werden auch mal erwachsen. Sie werden uns das nie verzeihen.“ (ab min 26:43)
 
In der Folge 5 beklagt Anna, die Campingplatzbetreiberin, den Krieg: „Wozu das alles? Das ist wie eine unnötige Bronchitis, die allen das Leben schwer macht. Leute sterben. Was ist das für ein Quatsch!“ (ab min 03:44)

 Klaus Schittich
 
1 r.i.b.-nachrichten  vom 27.11.2023 (Auszug) 
2 Link zur Doku-Serie (gestaffelt abrufbar bis 21.11.2025 bzw. 08.02.2026)
3 alle Stellungnahmen, in einer zusammenhängenden Pdf

 


Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.