Herbsttagung von AWC vom 11. bis 12. September mit grundlegenden Referaten
Eine bisweilen kontrovers diskutierende, bisweilen nachdenklich gestimmte Zuhörerschaft bestimmte die Atmosphäre bei der Tagung:
„Unterwegs zu einem globalen Frieden – Von der Kriegslogik zu einem neuen Realismus“
im Konferenzraum des städtischen Torhauses in Überlingen.
Das Programm - und sicher auch der Ankündigungsartikel im Südkurier - hatten Interesse und Neugier geweckt.
Florian Pfaff
sprach als Betroffener über das Grundsatzurteil des Bundesverwal-tungsgerichts vom Juni 2005, in dem damals, ausgehend von seinem „Fall“, dem Gewissen des Soldaten eine herausragende Bedeutung zugemessen worden war.
Er setzte sich dabei leidenschaftlich mit der Bagatellisierung der Kernaussage dieses Urteils auseinander.
Im Mittelpunkt von Florian Pfaffs Vortrag stand das neu erschienene Handbuch der evangelischen Militärseelsorge „Ethik im Einsatz“, wo eben diese Bagatellisierung besonders deutlich wird.
Matthias Wilke
zeigte, in welchem Maße die Gesellschaft die angebliche Grundstruktur des Wirtschaftslebens, nämlich die Gewinnmaximierung um jeden Preis, angenommen und verinnerlicht hat.
Er stellte dieser überaus verengten Sicht wirtschaftlichen Handelns in seinem sehr lebendigen und anschaulichen Vortrag verschiedene Modelle alternativer, ethisch begründeter Wirtschaftsformen gegenüber.
Jürgen Rose
brachte den Zuhörerinnen und Zuhörern ein besonders dunkles Kapitel der Geschichte wie auch der aktuellen Politik ins Bewusstsein: die Vereinnahmung der Medien durch Armeen als Teil ihrer militärisch-strategischen Konzepte.
Jürgen Rose zeigte Perspektiven auf, die auch bei dem informierten und zeitkritisch orientierten Publikum der Tagung mehr als Unbehagen auslösten.
Roses Vortrag stützte sich auf das entsprechende Kapitel seines neuen Buches „Ernstfall Angriffskrieg – Frieden schaffen mit aller Gewalt?“.
Sein Buch, das sei hier bemerkt, war übrigens absolut neu, Jürgen Rose hatte einen Karton mit den ersten Exemplaren gerade noch vor seiner Reise an den Bodensee ins Haus bekommen.
Ullrich Hahn
schlug die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch sein ruhig und konzentriert vorgetragenes Referat in seinen Bann.
Ihm gelang es durch seine im Wortsinn „entwaffnende“ Logik, den Zuhörerinnen und Zuhörern zu zeigen, wie tief verwurzelt die Gewalt als Mittel der Lösung von Konflikten in unserem Denken immer noch ist.
Es gelang ihm aber ebenfalls, so überzeugend wie unspektakulär für eine Ethik des Gewaltverzichts zu werben.
Die anschließende Podiumsdiskussion
der Referenten widmete sich dem Begriff eines „neuen Realismus“. Die Runde war durch Ingrid Schittich, die Vorsitzende von AWC Deutschland e.V., erweitert worden.
Die Sprecher und die Sprecherin auf dem Podium skizzierten die Umrisse eines Weltbildes bzw. eines poltischen Grundverständnisses, bei dem Krieg, Gewalt, Gier, Ausbeutung und Zerstörung der Umwelt als Faktoren eines in die Irre führenden vermeintlichen Realismus entlarvt werden.
Die Podiumsdiskussion, von Klaus Schittich moderiert, gab den Tagungsteilnehmerinnen und Tagungsteilnehmern Gelegenheit, Gedanken und Positionen in die Runde einzubringen.
Ingrid Schittich,
die als Vorsitzende des deutschen Zweiges von AWC zur Tagung eingeladen hatte, setzte am Abend des zweiten Tages den Schlussakzent, indem sie ihre Eindrücke von einer Reise nach Liberia im Frühjahr dieses Jahres schilderte.
Sie verband diese Eindrücke mit kritischen Positionen zur Geschichte des Kolonialismus, zum Wirken eines faktischen Neo-Kolonialismus und zur Entwicklungshilfepolitik.
Ingrid Schittich hatte im April das Jugendbildungszentrum Center for Youth Empowerment (CYE) in einem Elendsviertel von Monrovia besucht, das von AWC Deutschland e.V. seit einigen Jahren unterstützt wird.
Die Referate der Tagung und ein Essay von Ingrid Schittich sind in unserer Bibliothek erreichbar:
Florian Pfaff: Vorbereitung von Angriffskrieg (wird alsbald eingefügt)
Matthias Wilke: Aus der Krise lernen
Jürgen Rose: Die Medienkrieger
Ullrich Hahn: Gewaltverzicht und Verantwortung
Ingrid Schittich: Afrikanische Graswurzelarbeit