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Lettland. Wenn ein Staat sich rächt (Teil 1)
Tatjana: ihr Verbrechen, ihre Waffen, ihre Freundinnen und Freunde English Version
Stand der Dinge
Zu Beginn des neuen Jahres danken wir allen, die 2025 nachgefragt, mitgeholfen, mitgedacht haben bei unseren Bemühungen, etwas für eine bedrängte junge Frau in Lettland zu tun. Mitten in Europa wird Tatjana Andrijeca, eine lettische Staatsbürgerin, die sich zur ethnisch-russischen Minderheit in Lettland zählt, politisch bedrängt und verfolgt, ihr droht eine lebenslange Haftstrafe.1
Es waren ausschließlich einzelne Bürgerinnen und Bürger, mitfühlend, selbstlos, die darüber erschrocken sind, was Tatjana droht und die sich für sie eingesetzt haben. Dazu eine Tageszeitung, als einsame Ausnahme.
Einen möglichen Weg, aktiv zu werden, schlugen wir im Sommer 2025 vor,2 nämlich Briefe an die lettische Justizministerin zu schreiben. Viele haben dies zu ihrer Sache gemacht. Alle bekamen danach Post im Auftrag der Frau Ministerin. Deren Mitarbeiterinnen hoben darauf ab, dass sich niemand in ein laufendes Gerichtsverfahren einmischen dürfe, das sei zudem strafbar.3 Zum Fall Tatjana selbst war aus dem Ministerium nichts zu hören, keine Silbe.
Die einsame Ausnahme: Die linke Tageszeitung „junge Welt“ aus Berlin hat als einziges Medium der BRD (etwa zwanzig Agenturen und Medien hatten wir jeweils zweimal informiert) über die aktuelle Bedrohung Tatjanas berichtet.4 Zu seinem Artikel hat Kristian Stemmler die feinfühlige Überschrift gefunden: „Eine Versöhnung wurde nie zugelassen“. Die jW stellte die rechtswidrige Bedrängung Tatjanas in den Kontext der Tragödie dieses kleinen Landes, die wir einmal so beschrieben haben: „[Die] irrationale Rache der autochthonen Letten an der untergegangenen Sowjetunion, ausgeübt an den jetzt in Lettland lebenden ethnischen Russen."5,6
Tatjanas Verbrechen
Mit zielgenauer Präzision scheint sich diese dumpfe Rache besonders auf die 25-jährige Studentin Tatjana zu richten, und das mit unmissverständlicher Grausamkeit. Hier eine völlig unschuldige junge Frau, dort ein Staatsapparat, genauer gesagt der – nach allem Anschein – allmächtig agierende Staatssicherheitsdienst VDD, der über Tatjana die härteste Strafe verhängen will, die die Gesetze hergeben: lebenslange Haft. Die Todesstrafe steht ja nicht zur Verfügung. Dieses Exempel muss, so der offenkundige staatliche Wille, unbeirrt und brutal vollzogen werden. Auf lange Zeit soll niemand mehr auf die Idee kommen, auch nur im Geringsten an der Politik des Landes zu zweifeln, aufzumucken schon gar nicht.
Bild: Ivan Romanov
Ein Bild, das Tatjana bei einer spontanen Mahnwache im Dezember 2020 zeigt, belegt eine frühe Phase ihrer „kriminellen Karriere“. Tatjana ist Teil einer kleinen Gruppe, die wegen der Inhaftierung eines sog. Dissidenten auf dem Platz vor dem bedeutendsten Denkmal Rigas (Inschrift: „Für Vaterland und Freiheit“) zusammengekommen ist. Der staatsgefährdende Text auf Tatjanas improvisiertem Poster sagt:„Ihr könnt nicht alle wegsperren“. Kein schriller Protest, kein Aufruf zum Umsturz, eine fast schüchterne Feststellung. Dazu kündigt Tatjana sozusagen bildlich an, zu welchen Waffen sie bald greifen wird: zu Blumen.
Nachdem eine „Verwarnungshaft“ ohne Gerichtsurteil von langen acht Monaten im Jahre 2023 aus Sicht des Staates bei Tatjana nicht wirksam war, geht die Justiz – dem Staatssicherheitsdienst gehorsam, wie es scheint – seit April 2025 in die Vollen. Offenkundiges Ziel ist die vollkommene Zerstörung dieser jungen, außergewöhnlichen Persönlichkeit. Ein Motto scheint mitzuschwingen, geradezu hörbar: „Jetzt machen wir die kleine Kröte platt!“
Nach dem bisherigen Verlauf der Gerichtsverhandlungen seit April 2025 können das Tatjana zur Last gelegte Verbrechen „Gründung einer kriminellen Vereinigung“ und der Fortgang des Verfahrens nur noch als Farce angesehen werden. Da wird, juristisch gesehen, schon lange leeres Stroh gedroschen. Aber: Weitere Gerichtstermine sind schon mal bis Anfang Mai 2026 festgelegt.
Menschen in Lettland, die Tatjana nahestehen und mit uns vertrauensvoll in Kontakt sind, bleiben bei ihrer Überzeugung: Das Ur-Verbrechen Tatjanas, ihre Ur-Sünde sei ihr Auftritt in einer Vollversammlung der Saeima, dem lettischen Parlament, gewesen. Dort habe sie als 17-jährige Schülerin dem Staat mächtig die Tour vermasselt. Sie sollte – in akzentfreiem Lettisch – die erfolgreiche, charmante, angepasste junge Herzeige-Russin spielen, die Segnungen ihrer lettischen Schule preisen und dafür plädieren, alle russischen Schulen zügig zu schließen. Hat sie nicht, die Tatjana, sie ist aus der Rolle gefallen, sie hat ihre eigene Wahrheit vorgetragen. Man kann sich lebhaft vorstellen, welche Formel alle Linientreuen im Parlament flugs parat hatten, als ihnen der Atem nicht mehr stockte: „Das wird Folgen haben!“
Man hat Tatjana seit jenem sonnigen Frühlingstag am 2. März 2018 nicht mehr in Ruhe gelassen. Doch alles, was man ihr vorwirft, – selbst wenn es zuträfe, was nicht der Fall ist! – wäre durch das Recht der freien Meinungsäußerung geschützt. Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist als Artikel 11 Teil der Charta der Grundrechte der Europäischen Union, es steht in fast allen Verfassungen der 27 Länder der EU. Auch in der lettischen7.
Tatjanas Eintreten für die Rechte der ethnisch-russischen Minderheit, ihre tatkräftige Sorge für politische Gefangene in Lettland, ihre Mitarbeit daran, dass die jüngere Geschichte Lettlands nicht einseitig dargestellt wird, all das wäre ein lobenswertes zivilgesellschaftliches Engagement.
Doch in ihrer Heimat wird sie für ihr Engagement diskriminiert, verfolgt, vor Gericht gezerrt. Mitten in Europa, das angeblich vor grandiosen Werten und vor der Achtung der Menschenrechte nur so strotzt.
Nach einer großen Zahl von E-Mails, ausgetauscht seit April 2025, auch sehr persönlichen, wagt der hier Schreibende die möglicherweise absurd klingende Einschätzung: Tatjanas Verbrechen ist ihre Persönlichkeit.
Einige Anteile ihres Wesens zu nennen, muss freilich ein unvollständiger Versuch bleiben: Tatjana ist der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit um den Preis verpflichtet, sich dafür massive Nachteile einzuhandeln. Sie glaubt an übergeordnetes Recht, zu dem für sie unumstößlich die freie Meinungsäußerung zählt. Sie ist in hohem Maße empathiefähig. Tatjana lebt bewusst nach ethischen Grundsätzen, die sie u. a. aus ihrem russisch-orthodoxen Glauben schöpft. Tatjana ist in bewundernswertem Maße begabt und zudem vielfältig talentiert. Nur eine knappe Anmerkung: Nach ihrem Abitur waren nicht wenige enttäuscht, dass sie nicht Musik studiert und den Weg zur klassischen Violinistin eingeschlagen hat. Eine ihrer älteren Freundinnen, die Journalistin Alla Berezovskaya, hat Tatjana einmal in einem öffentlichen Statement als „naiv“ beschrieben.8 Dieser Begriff hat nicht nur die eine, landläufige, abwertende Bedeutung. Nach seiner Herkunft aus dem älteren Französisch bezeichnet die Vokabel ebenso die Eigenschaften: „ursprünglich, natürlich, echt“9.
Wie ein Spotlight beleuchtet diese zweite Bedeutungsvariante des Wörtchens „naiv“ Tatjanas Problem: Unumstößlich der Wahrheit verpflichtet zu sein, ungekünstelt und unverbogen, echt zu sein, sich selbst treu zu bleiben, das kann in Lettland leicht als Verbrechen gelten. Sie wird nicht nur deswegen angeklagt, weil sie eine andere Meinung hat. Sie soll für schuldig befunden, als Persönlichkeit vernichtet werden, ganz einfach weil sie ist, wie sie ist, wer sie ist. Tatjanas Verbrechen ist ihre Persönlichkeit. Und diese scheint für den lettischen Staat unerträglich zu sein: „Die muss weg.“
Tatjanas Waffen
Die Spannungen zwischen den tragisch entzweiten Bevölkerungsgruppen im Land haben seit dem Überfall der Russischen Föderation auf die Ukraine im Frühjahr 2022 zugenommen. Es hat den Anschein, dass die Regierung und die Mehrheit der „lettischen“ Lettinnen und Letten die Wut auf alles „Russische“ leidenschaftlich schüren. Sei es die Geschichte, die Sprache, die Identität. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, die Russophobie, der Russenhass, sei zur Staatsreligion erhoben worden.
Bis heute bringen Religionen auch Bilderstürmereien10 hervor, d. h. das Zerstören physischer Entsprechungen des Bewusstseins der „anderen“. So ist viel Russisches11 bald nach dem Februar 2022 einem quasi-religiösen Eifer zum Opfer gefallen. Der wuchtigste Bildersturm galt dem sog. Siegesdenkmal, wörtlich dem: „Denkmal für die Befreier Sowjet-Lettlands und Rigas von den deutschen faschistischen Invasoren“, im Siegespark im Westen der Hauptstadt. Es wurde im August 2022 abgerissen. Alle Spuren sind beseitigt. Verschwunden ist der 79 m hohe Obelisk, verschwunden sind die beiden wuchtigen Figurengruppen.
Dieses Ereignis fand Eingang bis in Medien in Deutschland.
Einen anerkennenswert sachlichen, fairen Artikel veröffentlichte die FAZ12, die davon spricht, dieser Abriss sei innenpolitisch heikel.
Unterschiedliche Videos zeigen beispielhaft, wie Medien manipulative Schwerpunkte setzen können.
1. Das Video des auflagenstärksten Presseorgans der BRD, der BILD13, erwähnt den ethnisch-russischen Bevölkerungsanteil Lettlands glatt und sauber mit keiner Silbe. „Zurück bleibt der Staub der Geschichte!“ mit diesem diffus-elegischen Kitsch geht der BILD-Clip zu Ende, der an Einseitigkeit nicht zu übertreffen ist. 2. EURONEWS14 berichtet ausgewogen, lässt einen ethnisch-russischen Einwohner zu Wort kommen, der ohne Wut und ohne Hass dafür eintritt, beide Bevölkerungsgruppen, Letten wie ethnische Russen, sollten die Rechte der jeweils anderen Gruppe respektieren.
3. RT DE15 (Russia Today) berichtet ähnlich fair, lässt denselben ethnisch-russischen Protagonisten ausführlicher sprechen, gibt ihm einen Namen, nennt seine Funktion. Zudem sind im Video am Boden liegend die typischen Waffen der ethnisch-russischen Protestierenden zu sehen: Blumen.
Zu unserer Frage, warum sie gerade am Tag des finalen Abrisses – die Vorbereitungen liefen schon länger – nicht am Denkmal war, schrieb Tatjana: Einerseits hätte sie das Schauspiel nicht ertragen können, das wäre nur noch völlig masochistisch gewesen und andererseits sei sie am Tag zuvor wieder einmal festgenommen und bis in die Nacht hinein verhört worden.
Die Geschichte, wie Tatjana, schwerst mit Blumen bewaffnet, am Tag vor dem Abriss des Obelisk zum Siegespark hinaus radelte, erzählt sie uns am besten selbst16:
"Ja, an dem Tag, an dem ich von der Polizei festgenommen wurde, war der erste Tag der Zerstörung des Denkmals (es dauerte drei Tage – es handelte sich nicht nur um ein Denkmal, sondern um einen ganzen Komplex aus zwei Denkmälern und einem Obelisk). Meine Freunde und ich hatten uns verabredet, dorthin zu gehen, zumindest zum Victory Park, um Blumen niederzulegen. Als ich mit meinem Fahrrad in Richtung Park fuhr, schaffte ich es gar nicht, ihn zu betreten – ein Polizeiauto wartete bereits auf mich. Die Beamten trugen Sturmhauben. Später fragte ich sie, warum – normalerweise trägt die Polizei keine. Sie sagten, sie wollten nicht, dass die Leute sehen, wer mich festnahm, oder sie auf Video filmen. Sie schnappten sich sofort meine Tasche und mein Handy, setzten mich ins Auto und schoben auch mein Fahrrad hinein. Sie fingen an, mich anzuschreien, sagten, ich sei „zu weit gegangen“ und würde jetzt ins Gefängnis kommen. Ich konnte ehrlich gesagt nicht glauben, dass man verhaftet werden kann, nur weil man Blumen niederlegen will😂, also hatte ich keine Angst. Ich machte mir vor allem Sorgen um meine Freunde und darüber, was sie denken würden, wenn ich nicht auftauchte, obwohl ich sie eingeladen hatte. Aber als sie sahen, dass ich nicht da war, verstanden sie irgendwie, dass ich festgenommen worden war, und gingen zu allen Polizeiwachen in Riga😃. In einer davon sahen sie mein Fahrrad und beschlossen, dort zu warten. Laut Gesetz durften sie mich nicht länger als vier Stunden festhalten. Und tatsächlich ließen sie mich genau vier Stunden später wieder frei. Mein Handy gaben sie mir allerdings nicht zurück. Sie sagten, dass jemand in Riga Flugblätter mit „staatsfeindlichem Inhalt” verteilt habe und sie mich verdächtigten. Ich hatte noch nie von irgendwelchen Flugblättern gehört! Als sie dann mein Handy überprüften und sahen, dass ich nichts damit zu tun hatte, wurde der Fall abgeschlossen. Aber mein Handy hielten sie noch immer zurück.😁. Um ein Uhr nachts ließen sie mich frei. Meine Freunde warteten vor der Polizeiwache auf mich – das war wirklich rührend. Also ist diese Geschichte letztendlich doch nicht besonders dramatisch.“
Führen wir uns vor Augen: Es war mittlerweile für Tatjana zum Alltag geworden, anlasslos festgenommen zu werden, angeschrien und bedroht zu werden. Führen wir uns vor Augen: Tatjana und ihre Freundinnen und Freunde wollten einfach nur Blumen niederlegen, um das Auslöschen einer Gedenkstätte zu bedauern, eines Treffpunkts, der für ihre Großeltern, ihre Eltern, für sie selbst wichtig war. Es flogen keine Pflastersteine, keine Flaschen, es brannten keine Mülltonnen, keine Autos, es wurde niemand verletzt, es gab keinen Vandalismus. Und führen wir uns vor Augen und fragen uns: Was ist das für ein Land, in dem junge Menschen anfangen, die Polizeiwachen der Stadt abzusuchen, nur weil ihre Freundin nicht pünktlich zu einer Verabredung gekommen ist?
Gewöhnlich trafen sich an diesem Denkmal am 9. Mai jeden Jahres ethnisch-russische Menschen, um des Endes des Zweiten Weltkriegs zu gedenken. Einmal waren es nach offizieller Schätzung 260.00017, nicht wenige bei einer Bevölkerung von ca. 1,8 Millionen. Im Mai 2022, als der Abriss gerade Gesetz im Parlament wurde, trauten sich nur noch wenige dorthin. Die Angst vor Repressionen war mittlerweile größer als der Wunsch, ein letztes Mal öffentlich der Soldaten der sowjetischen Armee gedenken zu können, die ihr Leben ließen, um Lettland vom Faschismus zu befreien. Unser Beitragsbild zeigt den allerletzten Blumenteppich zu einem 9. Mai. Den haben sich die ethnischen Russinnen und Russen nicht nehmen lassen, irgendwie war er dann doch da. Unser Bild wurde einen Tag später aufgenommen.
Ein anderes Foto sollte eigentlich als Beitragsbild zu diesem Artikel zu sehen sein. Es zeigt Tatjana, wie sie wenige Tage vor ihrer eben geschilderten Festnahme schon einmal versuchte, Blumen in der Nähe des Denkmals niederzulegen. Sie wurde von dicht um sie stehenden Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten daran gehindert. Als die Gruppe größer wurde, drängten die Beamtinnen und Beamten diese weg vom Denkmal. Wenige, die stehen bleiben wollten, wurden festgenommen und weggeschafft.
Die geplante Veröffentlichung jenes Bildes wurde uns von der lettischen Medien-Firma TV-NET GRUPA verweigert. E-Mails gingen hin und her, dabei eine fadenscheinige Begründung aus Riga, immerhin scheint sich die Geschäftsleitung mit unserer Anfrage beschäftigt zu haben. So sind wir ersatzweise auf die Verlinkung18 des Fotos ausgewichen, die nach internationalen Gepflogenheiten keiner Lizenz bedarf. Mit dieser bildlichen Darstellung der bewaffneten, „kriminellen“ Tatjana – sie hält ihre Waffe gesenkt vor sich – schließen wir den ersten Teil dieses Zweiteilers. Möge diese Bild seine eigene, nachhaltige Geschichte erzählen. [LINK zum Bild, wie in Anm. 18)