Wie Religion die „Normalität des Krieges“ vorantreibt – in den USA und in der Bundesrepublik Deutschland.
In den USA regieren Evangelikale mit
Die Tageszeitung jungeWelt widmete am 28.03.2026 einen ‚Schwerpunkt’ dem Zusammenspiel des evangelikalen1 religiösen Wahns und der Regierung in den USA. Allein die Titel der drei Artikel der Seite erzählen eine schaurige Geschichte:
1. „Gott will es“. USA: Evangelikale in der Trump-Regierung wollen die Streitkräfte zum Heer von Glaubenskriegern umbauen – ohne »dumme Rules of Engagement2«.
2. Hintergrund: US-Kriege als Kreuzzüge.
3. Heimatfront des Herrn. USA: Christliche Zionisten in Endzeitstimmung rüsten sich für die letzte Schlacht gegen »Magog3 und die »Perser«.
Werfen wir mit dem Hauptartikel des ‚Schwerpunkts‘4„Gott will es“ einen Blick in einen Abgrund:
1. „US-Kriegsminister Pete Hegseth inszeniert sich seit Beginn des Iran-Kriegs als Vollstrecker göttlicher Vorsehung. »Gelobt sei der Herr, mein Fels, der meine Hände geschickt macht für den Kampf, meine Finger für den Krieg«, las er aus Psalm 144 des Alten Testaments bei einer Pentagon-Pressekonferenz und versprach, »Tod und Zerstörung« auf die Feinde herniederregnen zu lassen. Hegseth, Träger von mit dem Jerusalemer Kreuz und dem Schlachtruf der Kreuzfahrer »Gott will es«, betonte bei einem nationalen Gebetsfrühstück, dass die »Krieger« der USA nicht nur mit dem »Arsenal der Freiheit«, sondern auch mit dem »Arsenal des Glaubens« bewaffnet seien.“
2. „»Präsident Trump wurde von Jesus gesalbt, um das Signalfeuer im Iran anzuzünden, Armageddon5 zu veranlassen und seine Rückkehr zur Erde zu markieren«, so die Ansage eines Kommandeurs einer US-Armeeeinheit, die demnächst in den Iran-Einsatz gehen könnte. Sie ist in einem Report der Military Religious Freedom Foundation (MRFF) dokumentiert und wurde von 15 Soldaten bezeugt, deren Namen wegen zu befürchtender Repressalien geheimgehalten werden.“
3. „Für Pete Hegseth ist er [der nächste Schritt der Verwandlung der US-Armee in eine »christlich-nationalistische Prätorianergarde«; Erg. aus dem Text, K.Sch.] allein schon wegen der »Bedrohung« durch den Iran eine Notwendigkeit: »Wir kämpfen gegen religiöse Fanatiker, die nach nuklearen Waffen streben, um ein religiöses Armageddon herbeizuführen.«
Der harmlose, überdrehte Wahn einer Gruppe von Evangelikalen in den USA? Allerdings entspricht diese „Gruppe“ mit ca. 80 Millionen zumeist fanatischer Anhänger vergleichsweise knapp der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland. Diese Leute sind ein treuer Wählerstamm Trumps und haben massiven Einfluss auf dessen Entscheidungen.
Alles weit weg, dieses eigenartige Verhältnis von Kirche und Staat? Hat mit uns nichts zu tun? Oder haben die Recht, die sagen, alles, was in Amerika passiert, komme zeitversetzt auch zu uns? Diese ‚Propheten’ haben recht und unrecht. Diese kriegslüsterne, sich gegenseitig beflügelnde Kooperation von Kirche und Staat kommt nicht nach Deutschland, sie ist schon da. Zumindest wenn wir von der Evangelischen Kirche [EKD] in Deutschland reden.
Vorauseilender Gehorsam der EKD
Mit der jüngsten Denkschrift zur Friedensethik6 im November 2025 hat der Rat der EKD schamlos auch den Anschein über Bord geworfen, die Evangelische Kirche sei eine dem Krieg abschwörende und dem biblischen Pazifismus verpflichtete Organisation.
Kurz gesagt, die Autorinnen und Autoren der Denkschrift halten den Angriffskrieg7 und das Bereithalten von Atomwaffen8 für vereinbar mit dem evangelischen Glauben. Freilich sind die Formulierungen schwerst verklausuliert, aber im Kern sagen die führenden Vertreter der EKD klar und unverrückbar Ja zum Krieg, auch zum Atomkrieg. Wer den Text anders interpretiert, lügt sich in die eigene Tasche.
Halten wir fest: Im Verhältnis von Kirche und Staat stellte sich die EKD in vorauseilendem Gehorsam auf die Seite der Pistoriusierung des Landes. Sie hat sich nicht nur dieser „Normalisierung“ von Krieg und dessen Vorbereitung angeschlossen, sie ist einer der Vorreiter der unseligen „Kriegstüchtigkeit“ des Herrn Pistorius geworden. Die EKD hat Schleusen geöffnet, die niemand mehr zukurbeln kann. Auffallend dabei ist, dass sich dieser von der EKD verursachte tiefgreifende Einschnitt in die geistige und moralische Substanz unserer Gesellschaft leise und klammheimlich vollzieht. Kein Aufschrei in den Medien oder in den Kirchengemeinden. Keine Austrittswelle. Nichts, wie es scheint. Die Gemeinde-Schiffe (ein gängiges Sprachbild für Kirchengemeinden, besonders evangelische) werden wohl so still wie konsequent zu veritablen Kriegsschiffen umgerüstet.
Es regt sich zarter Widerstand
Und doch gibt es kritische Stimmen zur Denkschrift. Zwei Vorgänge sind zu berichten:
1. Froh stimmen kann einen der Umstand, dass entschlossene Menschen religionsübergreifend an einer Gegendenkschrift, ihrer ‚Ökumenischen Friedensschrift‘ arbeiten. Dort kursiert auch eine schicke Grafik, die bildstark die Titelseite9der Denkschrift der EKD karikiert. Der Abdruck der Grafik wurde uns freundlich gestattet.

| Bild: Thomas Krings |
Die Arbeit an der Gegendenkschrift verläuft in solidarischer Entschlossenheit, völlig ohne Hierarchien und ohne Promi-Kult. Man darf sich auf das Ergebnis freuen. Der hier Schreibende hat das Privileg, über die Arbeit an der ‚Ökumenischen Friedensschrift‘ laufend informiert zu werden.
2. Unabhängig von der Arbeit der o. g. Gruppe und doch mit ihr verbunden gab die ‚Solidarische Kirche im Rheinland‘ recht schnell und mit sicherer Hand Anfang 2026 eine Sammlung kritischer Stellungnahmen zur Denkschrift der EKD heraus. Diese trägt den Titel „Umdenkschrift zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden“10. Schon allein dort zu stöbern, kann einem vor Augen führen, was für ein engstirniges Traktat die Schrift der EKD doch ist.
Eine markante Stelle der „Umdenkschrift“ hat der hier Schreibende einem Essay von Dr. Theodor Ziegler11 entnommen, seinem „Ein Kommentar aus christlich-pazifistischer Sicht“. Theodor Ziegler regt eine Diskussion an, die es in der Bundesrepublik eigentlich nicht geben darf.
Er mahnt nämlich an, in der EKD-Schrift fehle die Güterabwägung, die vereinfacht ausgedrückt in eine Kapitulation münden könnte. Ziegler spricht vom Ukraine-Krieg. Er zeigt, dass es dort zu Anfang mehr als 200 Beispiele gewaltfreien Widerstands durch Bewohner von Ortschaften gegeben hat. Diese seien durch den angeordneten Verteidigungskrieg vereitelt worden. Ziegler schreibt weiter:
„Bei einer friedensethischen Beurteilung hätte nunmehr zwischen dem Leid durch ein Besatzungsregime einerseits (Verlust der Souveränität und Demokratie) und dem hunderttausendfachen Tod von Menschen, hunderttausendfacher Verstümmelung, seelischer Traumatisierung, der enormen Zerstörungen von Häusern, Infrastruktur, Verminung landwirtschaftlicher Flächen, Vergiftung von Böden und Grundwasser usw. andererseits abgewogen werden müssen (vgl. 1. Kön 3, 16 ff). All das wurde in der Denkschrift nicht bedacht, die Suche nach dem kleineren Übel unterblieb.“12 Man muss Theodor Ziegler herzlich dankbar sein für seinen Mut. Wäre er noch im kirchlichen Amt, hätten vermutlich einige „Glaubens-Krieger“ längst wutschnaubend seine sofortige Entfernung aus demselben gefordert.
Anhang: Es steht nicht gut um die Meinungsfreiheit
Das Beispiel Theodor Zieglers zeigt aber auch, dass es Leute gibt in Deutschland, die Substantielles zu sagen haben, die höchst notwendige Diskussionen anstoßen können. Radikal freies Denken fängt bei Gedanken an wie bei dem von Theodor Ziegler vorgetragenen. Nur hat radikal freies Denken keine Lobby in diesem Land.
Es ist zu beobachten, dass in Deutschland keine dumpfen Repressalien, keine Androhung von Gefängnisstrafen etc. nötig sind, um den Spielraum der Meinungsfreiheit erdrückend einzuengen. Dies geschieht einfach durch die subtile Methode, bestimmte Bereiche, bestimmte Auffassungen interessengeleitet zu tabuisieren und von den Medien fernzuhalten. Ein Terror auf leisen Sohlen, an dem zahlreiche Akteure beteiligt sind.
Das deutlichste Beispiel: Gut bezahlte amtliche Sprachpolizisten (vulgo: Antisemitismusbeauftragte) im Zusammenspiel u. a. mit der israelischen Botschaft in der BRD haben aus falsch verstandener Solidarität mit Israel eine Atmosphäre der Verdächtigung und der Bespitzelung geschaffen, die neu in der Geschichte der Bundesrepublik ist.
Andere Beispiele gibt es zuhauf. Kaum jemand redet über die schleichende Abschaffung des Bargelds, niemand rügt die „Pflicht“ ein Mobiltelefon zu besitzen, beides konzernfreundliche und damit staatstragende ‚unumgängliche‘ Formen modernen Lebens.
Kaum jemand äußert den Verdacht, die EU sei nichts anderes als ein die Rüstungsindustrie hätschelndes Projekt, das die Mitgliedsstaaten der EU vertraglich13 zur Hochrüstung zwingt. Und kaum jemand bringt Kürzungen im Sozial- oder Bildungsetat mit dem exorbitant wachsenden Militärhaushalt in Verbindung.
Vermutlich aus Unkenntnis oder aus Naivität wird kaum wahrgenommen, wie fein der Zugang zu den Medien austariert ist. Die gewinnorientierte Firma dpa (Deutsche Presseagentur) ist eine mächtige Instanz, denn was nicht dpa-Meldung wird, gibt es nicht. Auch andere Presseagenturen sind im Spiel. Und dem folgt landläufig: Was nicht im Fernsehen, im Radio, in der Zeitung kommt, gibt es nicht.
Vor diesem Hintergrund wird „einer wie der Ziegler“ kaum jemals in einer Talkshow zu sehen sein, wird er kaum jemals zu einem Gastbetrag von einer der vier oder fünf „großen“ Zeitungen im Land eingeladen werden. Denn er würde den staatlich verordneten Glauben an Gewalt und Krieg empfindlich madig machen. Ein Defätist, ein „Vaterlands“-Verräter.
Seien wir gespannt auf die Reaktionen zur „Ökumenischen Friedensschrift“, wenn sie demnächst veröffentlicht wird.
31.03.2026
k.sch.
Anmerkungen
1 Vgl. https://www.planet-wissen.de/kultur/religion/jenseits_der_traditionellen_kirchen/evangelikale-christen-100.html, abgerufen am 31.03.2026.
2 Rules of Engagement (ROE), sind im militärischen Bereich Einsatzregeln, die festlegen, wann Gewalt angewendet werden darf.
3 Angelehnt an Wikipedia: Im Buch Ezechiel lebt das heidnische Volk von Magog „nördlich der Welt“ und verkörpert metaphorisch die Mächte des Bösen, was es mit apokalyptischen Traditionen in Verbindung bringt.
4 S. https://www.jungewelt.de/artikel/520000.iran-krieg-gott-will-es.html?sstr=Gott%7Cwill%7Ces, abgerufen am 31.03.2026.
5 S. https://de.wikipedia.org/wiki/Armageddon, abgerufen am 31.03.2026.
6 Denkschrift als PDF.
7 Denkschrift, S. 116.
8 Denkschrift, S. 114.
9 S. Anm. 6.
10 Umdenkschrift, hier als PDF. Diese wurde ergänzt durch die Umdenkschrift II, hier als PDF.
11 Umdenkschrift, S. 215.
12 Umdenkschrift, S. 220.
13 Vgl. Zusammenstellung als PDF.